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Thomas Hartmann

Wien, Österreich · 8. Besuch

Als ich zum ersten Mal die Kolonnade entlangging, hatte ich das Gefühl, einen Kreis zu schließen — als wandelte ich in den Fußstapfen meines Großvaters.

In den Fußstapfen des Großvaters

Thomas Hartmann war zweiundfünfzig, als er zum ersten Mal nach Marienbad fuhr. Nicht wegen der Quellen, nicht wegen der Kur — sondern wegen einer vergilbten Postkarte, die er beim Ausräumen des Nachlasses seiner Großmutter gefunden hatte. Darauf stand in der akkuraten Handschrift seines Großvaters: Liebste, das Wasser hier schmeckt nach Ewigkeit. Ich wünschte, Du wärst bei mir.

Die Karte war datiert auf September 1937. Sein Großvater Friedrich hatte als junger Arzt regelmäßig Patienten nach Marienbad begleitet. Nach dem Krieg war er nie zurückgekehrt. Die Stadt lag hinter dem Eisernen Vorhang, und die Erinnerungen waren zu schmerzhaft.

„Mein Großvater hat nie über Marienbad gesprochen. Aber diese Postkarte hat mir verraten, dass der Ort für ihn etwas Besonderes war. Ich musste ihn selbst sehen."

Der erste Besuch

Thomas fuhr im Herbst, so wie sein Großvater. Er buchte drei Nächte in einem kleinen Hotel nahe der Kolonnade und verbrachte die Tage damit, durch die Stadt zu wandern. Er trank an jeder Quelle, las die Tafeln, saß auf den Bänken im Kurpark und versuchte, sich vorzustellen, wie sein Großvater diese Wege gegangen war.

Es war ein seltsames Gefühl — eine Mischung aus Nostalgie und Entdeckung. Die Stadt war ihm fremd und doch vertraut, als hätte er sie in Geschichten kennengelernt, die nie erzählt worden waren. Am zweiten Abend saß er allein in einem Restaurant in der Hlavní-Straße und schrieb in sein Notizbuch: Ich verstehe jetzt, warum er wiederkommen wollte.

Die Familiengeschichte

Thomas begann zu recherchieren. In den Archiven der Stadt fand er Kurgästelisten aus den dreißiger Jahren, und tatsächlich: Friedrich Hartmann, Arzt, Wien, September 1935, 1936, 1937. Drei Jahre in Folge. Jedes Mal drei Wochen.

Er sprach mit lokalen Historikern, die ihm erzählten, wie die deutschsprachige Kurstadt sich nach dem Krieg verändert hatte. Wie die alten Gäste verschwanden und neue kamen. Wie die Quellen weitersprudelten, unbeeindruckt von Politik und Geschichte.

„Geschichte ist nicht abstrakt. Sie ist persönlich. Sie ist mein Großvater, der an der Karolinaquelle stand und an seine Frau dachte. Sie ist ich, achtzig Jahre später, am selben Ort."

Jedes Jahr im Oktober

Seit diesem ersten Besuch kommt Thomas jedes Jahr. Immer im Oktober, wenn die Wälder sich verfärben und die Stadt leiser wird. Er hat inzwischen die Kur für sich entdeckt — Moorbäder und Trinkkur helfen gegen die Gelenkbeschwerden, die ihn seit seiner Fünfzig plagen.

Aber der eigentliche Grund ist ein anderer. Marienbad ist für Thomas ein Ort der Verbindung — zur Vergangenheit seiner Familie, zur Geschichte Europas, zu sich selbst. Jeder Besuch ist eine Art Pilgerfahrt, ein bewusstes Innehalten in einem Leben, das sonst von Terminen und Verpflichtungen bestimmt wird.

Er hat angefangen, die Postkarten seines Großvaters nachzustellen. Am gleichen Ort, zur gleichen Jahreszeit, schreibt er Karten an seine eigenen Enkel. Nicht auf Papier — er schickt Fotos über das Handy. Aber die Geste ist dieselbe: Ich bin hier. Ich denke an euch. Dieser Ort ist besonders.

„Meine Enkel werden vielleicht eines Tages hierherkommen und an mich denken, so wie ich an meinen Großvater denke. Das ist der Kreislauf, den Marienbad möglich macht."

Was bleibt

Thomas hat ein kleines Buch geschrieben — nicht zur Veröffentlichung, nur für die Familie. Darin erzählt er die Geschichte seiner Besuche, verwoben mit dem, was er über seinen Großvater herausgefunden hat. Es ist keine große Literatur, sagt er. Aber es ist ehrlich.

Auf der letzten Seite steht ein Satz, den er an der Kolonnade notiert hat, an einem stillen Oktoberabend, als die Sonne hinter den Bäumen verschwand und die Stadt in goldenes Licht tauchte: Manche Orte gehören uns nicht. Wir gehören ihnen.

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