Zwölf Mal und kein Ende in Sicht
Ingrid Berghoff kam zum ersten Mal nach Marienbad, als sie sechsundfünfzig war. Damals war sie noch Patientin — eine Ärztin, die selbst Hilfe brauchte. Jahrzehnte im Hamburger Kliniksystem hatten ihren Tribut gefordert: chronische Rückenschmerzen, Schlafstörungen, ein leises, aber beharrliches Gefühl der Erschöpfung, das keine Tablette vertreiben konnte.
Ihr Orthopäde hatte ihr die Kur verschrieben. Drei Wochen Moorbäder, CO₂-Behandlungen, Trinkkur. Sie fuhr mit niedrigen Erwartungen hin — und kam als verwandelter Mensch zurück.
„Es war nicht eine einzelne Behandlung. Es war alles zusammen. Das Wasser am Morgen, die Stille im Park, die Langsamkeit, die man sich hier erlauben darf. Nach einer Woche habe ich zum ersten Mal seit Jahren wieder durchgeschlafen."
Die Routine einer Stammgästin
Heute kennt Ingrid jeden Winkel der Stadt. Ihr Tag beginnt um halb sieben mit einem Spaziergang zur Kreuzquelle. Das Wasser ist kühl und hat einen leicht bitteren Nachgeschmack, den sie inzwischen liebt. Danach frühstückt sie im Hotel — immer dasselbe: Vollkornbrot, Quark mit Honig, schwarzer Tee.
Vormittags folgt die Behandlung. Moorbäder an drei Tagen pro Woche, CO₂-Insufflationen an den anderen. Sie hat über die Jahre gelernt, welche Kombination ihrem Körper am besten tut. Die Ärzte im Ensana kennen ihre Akte auswendig.
Nachmittags wandert sie. Der Weg zum Aussichtsturm Hamelika ist ihr Lieblingsweg — eine gute Stunde bergauf durch den Wald, mit einem Panorama, das sie jedes Mal aufs Neue überwältigt. An klaren Tagen sieht man bis zum Kaiserwald.
„Manche Leute fragen mich, ob es nicht langweilig wird, zwölf Mal an denselben Ort zu fahren. Ich antworte: Gehen Sie zwölf Mal in denselben Wald und erzählen Sie mir, ob er jemals derselbe war."
Von der Patientin zur Botschafterin
Was Ingrid besonders macht, ist nicht nur ihre Treue zu Marienbad, sondern das, was sie daraus gemacht hat. Als praktizierende Internistin in Hamburg hat sie begonnen, ihren Patienten Kuraufenthalte in Marienbad zu empfehlen — nicht als Alternative zur Schulmedizin, sondern als Ergänzung.
Sie hat Kontakte zu den Kurärzten geknüpft, Behandlungspläne abgestimmt, Rückmeldungen gesammelt. Mehrere ihrer Patienten kommen inzwischen regelmäßig. Eine Patientin mit Fibromyalgie berichtet, dass die Moorbäder ihr mehr geholfen haben als jede medikamentöse Therapie. Ein Patient mit chronischer Bronchitis schwört auf die Inhalationen mit dem natürlichen CO₂.
„Als Ärztin bin ich Wissenschaftlerin. Ich glaube an Evidenz. Und die Evidenz, die ich bei meinen Patienten sehe — und an mir selbst — ist eindeutig. Marienbad wirkt. Nicht magisch, nicht esoterisch. Ganz konkret, ganz messbar."
Die Kolonnade als Therapieraum
Für Ingrid ist die Kolonnade mehr als ein architektonisches Wahrzeichen. Sie ist ein Therapieraum unter freiem Himmel. Das langsame Gehen, der rhythmische Wechsel zwischen den Quellen, die Gespräche mit anderen Kurgästen — all das ist Teil eines Heilungsprozesses, der weit über die reine Balneologie hinausgeht.
Sie erzählt von einer Begegnung im vergangenen Jahr: Eine junge Frau aus Berlin, Mitte dreißig, saß weinend auf einer Bank neben der Kolonnade. Ingrid setzte sich dazu, sagte nichts, wartete. Nach einer Weile begann die Frau zu sprechen — von ihrer Scheidung, ihrem Burnout, ihrem Gefühl, den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Sie sprachen eine Stunde lang. Am nächsten Morgen trafen sie sich wieder, diesmal an der Quelle. Am Ende der Woche gingen sie gemeinsam wandern.
„Heilung passiert nicht nur im Behandlungsraum. Sie passiert zwischen Menschen. Und Marienbad schafft einen Raum, in dem solche Begegnungen möglich werden. Das ist sein größtes Geschenk."
Warum sie immer wiederkommen wird
Ingrid ist inzwischen achtundsechzig. Ihre Rückenschmerzen sind beherrschbar geworden, ihre Schlafstörungen fast verschwunden. Sie kommt nicht mehr primär als Patientin nach Marienbad — sie kommt als Mensch, der einen Ort gefunden hat, an dem er ganz bei sich sein kann.
Ihr nächster Besuch ist bereits gebucht. Oktober, wie immer. Drei Wochen. Sie wird an der Kreuzquelle stehen, den ersten Schluck nehmen und denken: Ich bin wieder da. Und das ist gut so.