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Jugendstil-Architektur in Marienbad — Ein Rundgang

Entdecken Sie die schönsten Jugendstil- und Historismus-Bauten Marienbads auf einem selbst geführten Spaziergang durch die Kurstadt.

culture 9 min
Jugendstil-Architektur in Marienbad — Ein Rundgang

Ein Freilichtmuseum der Baukunst

Marienbad ist kein gewöhnlicher Kurort. Die Stadt, die im frühen 19. Jahrhundert praktisch aus dem Nichts entstand, vereint auf engstem Raum eine außergewöhnliche Dichte an architektonischen Meisterwerken. Vom Klassizismus über die Neorenaissance und das Neobarock bis hin zum Jugendstil — wer durch Marienbad spaziert, durchschreitet anderthalb Jahrhunderte europäischer Baugeschichte.

Dieser Rundgang führt Sie zu den wichtigsten Gebäuden der Stadt und erklärt ihre Geschichten, ihre Architekten und ihre Bedeutung. Planen Sie etwa zwei bis drei Stunden ein, je nachdem, wie lange Sie an den einzelnen Stationen verweilen möchten. Bequeme Schuhe sind empfehlenswert — einige Abschnitte führen über Kopfsteinpflaster und leichte Steigungen.

Station 1: Die Gusseiserne Kolonnade (ca. 10 Minuten)

Beginnen Sie Ihren Rundgang am Herzen der Stadt: der Kolonnade. Dieses filigrane Bauwerk aus Gusseisen wurde zwischen 1888 und 1889 nach Plänen der Wiener Architekten Miksch und Niedzielsky errichtet. Mit einer Länge von 119 Metern zählt sie zu den längsten gusseisernen Kolonnaden Europas.

Die Konstruktion verbindet Funktionalität mit dekorativer Eleganz. Die durchbrochenen Eisenornamente erinnern an Spitzenarbeit und schaffen ein Wechselspiel von Licht und Schatten. Die Kolonnade schützte die Kurgäste beim Promenieren vor Regen und Sonne — ein architektonisches Accessoire der Kurkultur.

Beachten Sie die Deckenmalereien im zentralen Pavillon und die Reliefs an den Brunnenbecken. Vor der Kolonnade liegt der Platz mit der Singenden Fontäne, die jeden Tag zur vollen Stunde ein Wasserspiel mit Musik aufführt.

Station 2: Ensana Nové Lázně — Das Neue Badehaus (ca. 15 Minuten)

Vom südlichen Ende der Kolonnade sind es nur wenige Schritte zum Ensana Nové Lázně (Neues Badehaus), einem der eindrucksvollsten Gebäude der Stadt. Der Architekt Josef Schaffer entwarf den Bau im Stil der Neorenaissance, der zwischen 1893 und 1896 errichtet wurde.

Die Fassade besticht durch ihre symmetrische Gliederung, die reich verzierten Fensterumrahmungen und den markanten Mittelrisalit mit Balkon. Im Inneren befinden sich das berühmte Römische Bad — ein Schwimmbecken in einer Halle, die an antike Thermen erinnert — sowie ein Königliches Kabinett im maurischen Stil, das einst für König Edward VII. von England gestaltet wurde.

Schaffer war ein Meister der historistischen Architektur. Er verstand es, verschiedene Epochen zu zitieren und doch ein harmonisches Ganzes zu schaffen. Das Ensana Nové Lázně ist heute Teil der Ensana-Hotelgruppe und kann auch von Nicht-Hotelgästen besichtigt werden.

Station 3: Das Städtische Casino (ca. 10 Minuten)

Folgen Sie der Hlavní třída (Hauptstraße) leicht bergauf, erreichen Sie nach etwa fünf Gehminuten das Casino. Dieses repräsentative Gebäude im Neobarock-Stil wurde 1868 erbaut und diente der Kurgesellschaft als gesellschaftlicher Mittelpunkt.

Der Bau beeindruckt durch seine prächtige Stuckfassade, die hohen Bogenfenster und das elegante Mansarddach. Im Inneren befinden sich ein großer Festsaal und mehrere kleinere Salons. Hier fanden Bälle, Konzerte und Theateraufführungen statt — der russische Komponist Antonín Dvořák dirigierte hier, und Frédéric Chopin gab sein letztes öffentliches Konzert in Böhmen.

Heute beherbergt das Casino ein Restaurant und Veranstaltungsräume. Die aufwendig restaurierten Innenräume vermitteln noch immer den Glanz der Belle Époque.

Station 4: Ensana Pacifik (ca. 5 Minuten)

Unmittelbar neben dem Casino steht das Ensana Pacifik, ein weiteres Juwel des Historismus. Erbaut in den 1870er-Jahren, verbindet es Elemente der Neorenaissance mit frühen Anklängen an den Jugendstil. Besonders bemerkenswert sind die Erker an der Fassade und die schmiedeeisernen Balkongeländer mit floralen Motiven.

Das Ensana Pacifik war über Jahrzehnte eine der ersten Adressen der Stadt. Seine Lage an der Hauptpromenade machte es zum bevorzugten Quartier wohlhabender Kurgäste aus ganz Europa.

Station 5: Die Kirche Mariä Himmelfahrt (ca. 15 Minuten)

Biegen Sie nun in die Goethova ulice ein und folgen Sie ihr bergauf. Nach etwa zehn Minuten Fußweg erreichen Sie die Kirche Mariä Himmelfahrt (Kostel Nanebevzetí Panny Marie), das bedeutendste Sakralbauwerk der Stadt.

Die Kirche wurde zwischen 1844 und 1848 im neobyzantinischen Stil mit neobarocken Elementen errichtet. Ihr markanter Zwiebelturm ist weit über die Dächer der Stadt sichtbar und dient als Orientierungspunkt. Der Architekt Johann Gottfried Gutensohn ließ sich von römischen und byzantinischen Vorbildern inspirieren.

Das Innere überrascht mit einer reichen Ausmalung und einem eindrucksvollen Hochaltar. Die Deckenfresken zeigen Szenen aus dem Leben Mariens und wurden von lokalen Künstlern ausgeführt. Die Akustik der Kirche ist hervorragend — regelmäßig finden hier Orgelkonzerte statt, die zum kulturellen Programm der Kurstadt gehören.

Station 6: Die Anglikanische Kirche (ca. 10 Minuten)

Nur wenige Gehminuten von der Hauptkirche entfernt steht ein architektonisches Kuriosum: die Anglikanische Kirche (Anglikánský kostel). Sie wurde 1879 im neogotischen Stil für die zahlreichen britischen Kurgäste erbaut, die Marienbad im 19. Jahrhundert besuchten.

Der kleine, aber fein proportionierte Backsteinbau mit seinem spitzen Turm wirkt wie ein Stück England mitten in Böhmen. Die Kirche belegt eindrucksvoll den internationalen Charakter Marienbads in seiner Blütezeit. Britische Aristokraten, darunter König Edward VII. persönlich, frequentierten den Kurort so regelmäßig, dass eine eigene Kirche notwendig wurde.

Heute dient das Gebäude als Ausstellungsraum und Konzertsaal. Die neogotischen Fenster und das offene Dachgestühl sind einen Blick wert.

Station 7: Die Kur-Pavillons an den Quellen (ca. 20 Minuten)

Kehren Sie nun zurück zum Kurpark und besuchen Sie die verschiedenen Brunnenpavillons. Jede der Heilquellen Marienbads erhielt im Laufe des 19. Jahrhunderts ihr eigenes architektonisches Gehäuse — kleine Tempel, die das kostbare Wasser würdig präsentieren sollten.

Besonders sehenswert sind der Pavillon der Kreuzquelle, ein eleganter Rundbau im klassizistischen Stil, der Pavillon der Ferdinandquelle mit seinen dorischen Säulen und der Waldquelle-Pavillon, der sich harmonisch in die Parklandschaft einfügt. Diese Pavillons sind Miniaturkunstwerke der Kurarchitektur und zeigen, welche Bedeutung die Stadt ihren Heilquellen beimaß.

Die verschiedenen Baustile der Pavillons — vom Klassizismus der frühen Quellenfassungen bis zum Jugendstil der späteren Bauten — spiegeln die architektonische Entwicklung der Stadt wider.

Station 8: Villen und Hotels entlang der Promenade (ca. 20 Minuten)

Zum Abschluss Ihres Rundgangs empfiehlt sich ein gemächlicher Spaziergang entlang der Hlavní třída und der angrenzenden Straßen. Hier reihen sich prächtige Villen und Grandhotels aneinander, jedes mit eigenem Charakter.

Achten Sie auf die Jugendstil-Details an den Fassaden: geschwungene Linien, florale Ornamente, Maskarone und farbige Kacheln. Viele dieser Gebäude wurden um die Jahrhundertwende errichtet, als der Jugendstil seinen Höhepunkt erreichte. Die Fassaden erzählen Geschichten von einer Zeit, in der Bauherren den Anspruch hatten, nicht nur Häuser, sondern Kunstwerke zu schaffen.

Bemerkenswert sind die Grandhotels, die mit ihren ausladenden Portalen, den Wintergärten und den Dachterrassen den Komfort und die Eleganz der großen Kurära verkörpern. Einige wurden liebevoll restauriert, andere warten noch auf ihre Wiedergeburt.

Praktische Hinweise für Ihren Rundgang

Dauer: 2 bis 3 Stunden, je nach Tempo und Verweildauer an den Stationen

Beste Zeit: Der Vormittag bietet das schönste Licht für Fotografien. Im Sommer empfiehlt sich ein früher Start, um der Mittagshitze zu entgehen.

Route: Die beschriebene Route ist ein Rundweg, der an der Kolonnade beginnt und endet. Sie können die Reihenfolge nach Belieben ändern.

Barrierefreiheit: Die meisten Stationen sind ebenerdig oder über leichte Steigungen erreichbar. Der Aufstieg zur Kirche Mariä Himmelfahrt ist der steilste Abschnitt.

Einkehr: Entlang der Hlavní třída finden Sie mehrere Cafés und Restaurants. Das Café im Casino bietet einen besonders stimmungsvollen Rahmen für eine Pause.

Architektonisches Erbe und Zukunft

Marienbads architektonisches Ensemble gehört zu den besterhaltenen Kurstadt-Landschaften Europas. Die Aufnahme der „Great Spa Towns of Europe" in das UNESCO-Welterbe im Jahr 2021 war eine verdiente Anerkennung dieses einzigartigen Erbes.

Die Herausforderung der Zukunft liegt in der behutsamen Restaurierung jener Gebäude, die noch auf ihre Erneuerung warten. Jedes restaurierte Haus bringt ein Stück der alten Pracht zurück und stärkt den Charakter einer Stadt, die wie wenige andere von ihrer Architektur lebt. Für Besucher bedeutet jeder Spaziergang durch Marienbad eine Reise durch die europäische Baugeschichte — ein Erlebnis, das in dieser Dichte und Qualität selten geworden ist.

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