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Geschichte der Kolonnade — Marienbads architektonisches Juwel

Von den ersten hölzernen Wandelhallen bis zur gusseisernen Neobarock-Kolonnade von 1889 — die faszinierende Baugeschichte des Marienbader Wahrzeichens und seine Bedeutung für die europäische Kurkultur.

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Geschichte der Kolonnade — Marienbads architektonisches Juwel

Ein Bauwerk erzählt Stadtgeschichte

Wer heute vor der Hauptkolonnade von Marienbad steht, blickt auf mehr als ein Gebäude. Die filigrane gusseiserne Konstruktion mit ihren geschwungenen Bögen, den zierlichen Ornamenten und dem lichtdurchfluteten Wandelgang ist das gebaute Selbstbewusstsein einer Stadt, die im 19. Jahrhundert zu einem der glanzvollsten Kurorte Europas aufstieg. Die Geschichte der Kolonnade ist untrennbar mit der Geschichte Marienbads selbst verbunden — von den bescheidenen Anfängen als Waldquelle bis zum mondänen Treffpunkt gekrönter Häupter.

Die Anfänge: Holz und Heilwasser

Die Geschichte der Marienbader Kolonnaden beginnt nicht mit dem imposanten Bau, den wir heute kennen, sondern mit schlichten Holzkonstruktionen. Als Abt Karl Kaspar Reitenberger vom Stift Tepl zu Beginn des 19. Jahrhunderts die systematische Erschließung der Heilquellen vorantrieb, entstanden die ersten einfachen Überdachungen über den Brunnen.

Der Wiener Architekt Anton Gruber entwarf 1818 eine erste hölzerne Wandelhalle, die den Kurgästen Schutz vor Regen und Sonne bot, während sie ihre morgendliche Trinkkur absolvierten. Diese Halle war funktional, aber bescheiden — ein langer, überdachter Gang mit offenen Seiten, der die wichtigsten Quellen miteinander verband.

Doch Marienbad wuchs schnell. Bereits in den 1820er Jahren kamen illustre Gäste wie Johann Wolfgang von Goethe, und die Stadt brauchte eine Infrastruktur, die ihrem wachsenden Ruf entsprach. Die hölzernen Hallen wurden mehrfach erweitert und umgebaut, konnten aber dem Ansturm der Kurgäste und den Ansprüchen der Zeit kaum genügen.

Die Ära der Neogotik

In den 1840er und 1850er Jahren erhielt Marienbad eine neue Kolonnade im neogotischen Stil. Diese Konstruktion, teilweise aus Holz und teilweise aus Stein, war deutlich repräsentativer als ihre Vorgängerin. Sie spiegelte den romantischen Zeitgeist wider und die Sehnsucht nach mittelalterlicher Formensprache, die damals ganz Europa erfasst hatte.

Doch auch diese Kolonnade hatte ihre Grenzen. Das feuchte Klima und die mineralstoffreichen Dämpfe der Heilquellen setzten dem Holz zu. Ständige Reparaturen waren nötig, und die Kurgäste beschwerten sich über den zunehmend morbiden Zustand der Wandelhalle.

Der große Wurf: Die gusseiserne Kolonnade von 1889

Die 1880er Jahre brachten den Wendepunkt. Die Stadtverwaltung von Marienbad, inzwischen selbstbewusst und wohlhabend durch den beständig wachsenden Kurtourismus, beschloss den Bau einer Kolonnade, die allen anderen europäischen Kurorten ebenbürtig sein sollte — wenn nicht überlegen.

Architektur und Entwurf

Den Zuschlag erhielten die Wiener Architekten Miksch und Niedzielsky, die einen kühnen Plan vorlegten: eine Kolonnade aus Gusseisen, dem modernsten Baustoff der Epoche. Die Wiener Firma Breitfeld, Daněk und Co. übernahm die Fertigung der gusseisernen Elemente in ihren böhmischen Werken.

Der Entwurf verband Neobarock und Neurenaissance zu einem eleganten Gesamtbild. Die Kolonnade erstreckt sich über eine Länge von 119 Metern und besteht aus einer offenen Wandelhalle mit kunstvoll verzierten Stützen, einem Obergeschoss mit Deckenmalereien und einem Bühnenbereich für Kurkonzerte.

Besonders bemerkenswert sind die filigranen Ornamente der Gusseisensäulen. Jede Säule trägt florale Motive — Blüten, Ranken, Akanthusblätter — die trotz des industriellen Materials eine erstaunliche Leichtigkeit und Eleganz ausstrahlen. Die Farbe wechselte im Laufe der Jahrzehnte: ursprünglich in einem warmen Bronzeton gehalten, wurde die Kolonnade später in dem charakteristischen Weiß gestrichen, das wir heute kennen.

Die feierliche Eröffnung

Am 28. Mai 1889 wurde die neue Hauptkolonnade feierlich eingeweiht. Die Kurkapelle spielte, die Honoratioren der Stadt und des Landes waren versammelt, und die Kurgäste staunten über die Pracht des neuen Bauwerks. Zeitgenössische Berichte schwärmen von dem „Palast aus Eisen und Licht", der Marienbad endgültig in die erste Reihe der europäischen Kurorte katapultierte.

Die Kolonnade wurde schnell zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt. Hier traf man sich zum Brunnengang, hier spielte die Kurkapelle, hier wurden Bekanntschaften geschlossen und Geschäfte angebahnt. König Edward VII. von England flanierte hier, ebenso wie Kaiser Franz Joseph, Mark Twain und zahllose Adlige, Künstler und Intellektuelle.

Die Deckenmalereien und das Innere

Ein oft übersehenes Juwel der Kolonnade sind die Deckenmalereien im oberen Bereich der Wandelhalle. Josef Vyleťal schuf hier allegorische Darstellungen, die das Thema Wasser und Heilung aufgreifen. Nymphen, Flussgötter und mythologische Szenen schmücken die Deckenpaneele und verleihen dem Innenraum eine fast sakrale Atmosphäre.

Die Akustik der Kolonnade wurde bewusst für Musikdarbietungen optimiert. Der halboffene Raum erzeugt einen warmen, vollen Klang, der die Kurkonzerte zu einem besonderen Erlebnis machte. Noch heute finden in der Kolonnade regelmäßig Konzerte statt — eine Tradition, die seit über 130 Jahren ununterbrochen gepflegt wird.

Die Trinkhalle und die Quellen

Im Inneren der Kolonnade befinden sich die Zugänge zu mehreren Heilquellen. Die Kreuzquelle (Křížový pramen), die Ferdinandsquelle und die Rudolfsquelle sind hier gefasst und über elegante Brunnenbecken zugänglich. Kurgäste können — wie schon vor 200 Jahren — mit ihren Trinktassen von Quelle zu Quelle wandeln und die verschiedenen Mineralwässer kosten.

Jede Quelle hat eine eigene Zusammensetzung und Temperatur. Die Kreuzquelle beispielsweise ist reich an Eisen und Kohlensäure, während die Rudolfsquelle einen höheren Calciumgehalt aufweist. Informationstafeln in der Kolonnade erläutern die Zusammensetzung und die empfohlene Trinkmenge — denn Heilwasser ist Medizin und will dosiert genossen werden.

Die Singende Fontäne: Eine Bereicherung aus dem 20. Jahrhundert

Im Jahr 1986 erhielt die Kolonnade eine spektakuläre Ergänzung: die Singende Fontäne (Zpívající fontána). Der tschechische Bildhauer und Brunnengestalter Pavel Mikula entwarf die kreisrunde Fontäne, die vor der Kolonnade auf dem Hauptplatz installiert wurde.

Die Fontäne verbindet Wasserspiele mit Musik. Von Frühling bis Herbst erklingen zu jeder ungeraden Stunde am Tag Kompositionen — von klassischer Musik über Filmmelodien bis hin zu modernen Stücken. Das Wasser tanzt dabei synchron zur Musik, steigt und fällt im Rhythmus der Melodie. Am Abend kommen Lichteffekte hinzu, die das Schauspiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.

Die Singende Fontäne hat sich seit ihrer Einweihung zum meistfotografierten Motiv Marienbads entwickelt. Sie steht symbolisch für die Verbindung von Tradition und Moderne, die Marienbad so einzigartig macht.

Restaurierung und Denkmalschutz

Die gusseiserne Kolonnade erfordert kontinuierliche Pflege. Das feuchte Klima, die mineralstoffreichen Ausdünstungen der Quellen und die Witterung setzen dem Material zu. Mehrere umfassende Restaurierungskampagnen haben im Laufe der Jahrzehnte dafür gesorgt, dass die Kolonnade ihren Glanz bewahrt.

Die letzte große Sanierung umfasste die komplette Neubeschichtung aller gusseisernen Elemente, die Restaurierung der Deckenmalereien und die Modernisierung der technischen Infrastruktur. Dabei wurde größter Wert darauf gelegt, historische Materialien und Techniken zu verwenden und das originale Erscheinungsbild zu erhalten.

Seit 2021 gehört Marienbad zum UNESCO-Welterbe als Teil der „Bedeutenden Kurstädte Europas". Die Hauptkolonnade ist eines der Schlüsselbauwerke, die diese Auszeichnung begründen. Sie gilt als eines der besterhaltenen Beispiele der Kurarchitektur des 19. Jahrhunderts in Europa.

Die Kolonnade heute erleben

Die Hauptkolonnade ist frei zugänglich und ein Muss für jeden Besucher Marienbads. Ein idealer Besuch beginnt am Morgen, wenn die Kurgäste wie seit zweihundert Jahren zur Trinkkur kommen. Die Atmosphäre in den frühen Stunden ist besonders stimmungsvoll — der Nebel lichtet sich über den umliegenden Wäldern, die Quellen dampfen leicht, und die ersten Sonnenstrahlen lassen die Gusseisenornamente golden schimmern.

Tagsüber lohnt sich ein Blick auf die Deckenmalereien und die architektonischen Details. Führungen werden in mehreren Sprachen angeboten und erschließen Geschichten und Hintergründe, die dem Auge des unvorbereiteten Besuchers entgehen würden.

Am Abend, wenn die Singende Fontäne ihr Spiel beginnt und die Kolonnade von unten angestrahlt wird, entfaltet das Bauwerk eine ganz eigene Magie. Dann versteht man, warum Generationen von Besuchern sich in diesen Ort verliebt haben — und warum die Kolonnade von Marienbad mehr ist als ein Denkmal: Sie ist die Seele der Stadt.

Praktische Informationen

  • Lage: Hlavní třída (Hauptstraße), im Zentrum des Kurgebiets
  • Öffnungszeiten: Die Wandelhalle ist ganzjährig frei zugänglich
  • Trinkkur: Die Quellen sind täglich zugänglich; Trinktassen können vor Ort erworben werden
  • Singende Fontäne: April bis Oktober, jede ungerade Stunde von 7 bis 21 Uhr
  • Führungen: Auf Anfrage beim Informationszentrum am Hauptplatz
  • Barrierefreiheit: Ebenerdig zugänglich, rollstuhlgeeignet
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